E c k h a r d    B e s u d e n
  Meine Malerei zu den Bildern

 
Keine Regeln, keine Tricks,
keine Geschichte,
wir machen den Kopf frei


Eyjafjallajökull, (2010) oil on canvas, 78.7 x 55.1 inch, 200 x 140 cm

Eyjafjallajökull, (2010) oil on canvas,
78.7 x 55.1 inch, 200 x 140 cm

Dr. Eckhard Besuden, Künstler aus dem Raum Konstanz, ist heute der Interviewpartner von Dr. Barbara Aust-Wegemund. Aus einem ersten flüchtigen Kontakt im November 2013 ist ein halbes Jahr später ein intensiver Dialog zwischen der Kunsthistorikerin und dem Künstler entstanden. Dr. Barbara Aust-Wegemund, Inhaberin von Art History Consulting (AHC) ist freie Kuratorin/ Kunstjournalistin und publiziert u.a. für das Ressort „Kunst in Deutschland“ im Goethe Institut Inter Nationes.

AHC: Sehr geehrter Herr Dr. Besuden, Sie bezeichnen sich selbst als einen Vertreter des Antideterminismus. Was genau meinen Sie damit?

Eckhard Besuden:
Den Dr. können wir weglassen, er gehört zu meiner anderen Welt, der Tätigkeit als Jurist. Ich fühle mich nicht unwohl als Schizophrener. Ich bin künstlerisch absoluter Dilettant und sicher jenseits jeglicher akademischer Erkenntnis – als Jurist ist das möglicherweise andersrum, aber heute bin ich ja nicht Jurist. Antideterminismus. Das ist eine lange Geschichte. Ich versuche mich kurz zu fassen (lacht), und beschränken wir uns auf die Königsdisziplin der Kunst, die Malerei und hier nur die moderne Malerei. Antideterminismus soll dazu führen, dass sich der Betrachter nur auf die reine Kraft der Malerei konzentrieren kann und muss. Keine Regeln, keine Tricks, keine Geschichte, wir machen den Kopf frei.

AHC: Gut Herr Besuden. Wenn wir über Antideterminismus sprechen sollten wir auch den Determininus erwähnen.

Eckhard Besuden:
Der Determinismus ist die vorhersehbare Festlegung der Anforderungen des 1. Kunstmarktes an die künstlerischen Ergebnisse. Gehen wir einmal kritisch nicht davon aus, dass Kunst nur Selbstreflektion ist, wie Baudrillard meinte. Dem Determinismus als kunstdogmatisches Phänomen liegt die Frage zugrunde: Was sind die malerischen Anforderung an moderne Kunst? Es ist die Frage nach dem Universum, und dem Ganzen Rest, wenn ich einmal Douglas Adams zitieren darf. Es ist die wichtigste Frage für jeden vorsätzlichen Maler und die kunstdogmatische Antwort lautet nicht „42“. Die Anfänge des Determinismus lassen sich m.E. ab den Impressionisten nachvollziehen. Der Erste, der die pekuniäre Kraft der dogmatischen Kunst gegen die damalige Salonmalerei (die nach dem Prinzip „ich finde es schöne“ funktionierte) für sich nützlich machte, war aus meiner Sicht Paul Durand-Ruel. Er war es, der die deterministischen Merkmale für moderne Kunst seinen Künstlerschützlingen abverlangte.

AHC: Welche Merkmale erwartete Paul Durand-Ruel von seinen Künstlerschützlingen?

Eckhard Besuden:
Es muss „neu“ sein – ihr dürft nichts malen, was schon da ist. Es muss „authentisch“ sein – man muss Euch sofort als Maler wiedererkennen. Es muss „technisch perfekt“ sein – was auch sonst. Und es darf „nicht dekorativ“ sein – ernsthafte Kunst ist nicht dekorativ, sie passt nicht über die Wohnzimmergarnitur. Durand-Ruel wollte durch Abgrenzung von der Salonmalerei letztlich „nur“ Geld verdienen, das Merkmal Neuheit erzeugte unbeabsichtigt die Antidekoration, neu bedeutet nicht assimilationsfähig mit dem herrschenden Geschmack. Aber er schuf nebenbei offenbar unbeabsichtigt das vorrangige kunstdogmatische Marketinginstrument bis tief hinein in die 60. Jahre des 20. Jahrhunderts - den Skandal, einen bis heute immer noch nicht ganz wegzudenkenden Verkaufskatalysator für die eher minderbemittelten Sammlern - und den zugegeben wenigen infantilen Kuratoren. Hinzu kam sein Wunsch den Käufern eine einzigartige Vita seiner Maler offerieren zu können. Sie sollten eine rein künstlerische Vita aufweisen, so wie es Gauguin der Künstlergemeinschaft bereits vorgemacht hatte, er war zunächst Börsenmakler, dann - sein bürgerlich gesichertes Leben aufgebend – mittelloser Maler.

AHC: Welche Bedeutung hatte die rein künstlerische, akademische Vita?

Eckhard Besuden:
Das Merkmal der rein künstlerischen Vita entwickelte sich in den nächsten 60 Jahren zu dem Merkmal, malende Anwälte wie mich oder malende Bankiersfrauen, die in diesem Jahr überlegen entweder ein Schuhgeschäft zu gründen oder Bilder zu malen, auszugrenzen. Das Merkmal der Verknappung war geboren. Rolex hat es 1926 mit der Werbung über die Oyster sofort verstanden und reduzierte seine Verkaufsstellen auf das Mindeste. Will man einem kaufkräftigen Kunden klar machen, dass er etwas Besonderes erwirbt und sich die Investition lohnt, mache ihm klar, dass das nicht jeder malen kann, selbst wenn er es gemalt hat. Die „rein künstlerische Vita“ stößt 99% der Malenden vorsätzlich vom Kunstmarkt aus. Nur 1% ist überhaupt kaufwürdig. Wir reden also von Marketingstrategien, die auch heute noch absoluten Bestand haben. Mit den Merkmalen „neu“, „authentisch“, „reine Vita“, „antidekorativ“, „technisch perfekt“ kann man jedem Sammler, Kurator und sofort sein Geld entlocken bzw. begeistern. Er fühlt sich selbst als auserwählter Teilhaber an dem verknappten Markt.

AHC: Die Transitory Gallery London provozierte 2007 mit dem Slogan “Wir brauchen mehr Dilletanten”. War das ein Dammbruch?

Eckhard Besuden:
Die Antideterministen, wie ich ab 2000, wie die Transition Gallery in London ab 2007 unter dem Slogan „Wir brauchen mehr Dilettanten“ und ab 2012 in der Baumwollspinnerei in Leizipg unter dem Motto „Über den Dilettantismus“ versuchen kunstdogmatisch das Gegenteil. Man kann die Kunstwelt m.E. nicht mehr durch neue Bilder bewegen. Es sind neue dogmatische Ideen erforderlich – und sie müssen radikal sein. Sie eröffnen den Malenden Anwälten und schuhverkaufenden Bankersfrauen den 1. Kunstmarkt, aber sie stellen sie auf den Prüfstand. Die Kraft ihrer Malerei muss die Prüfung bestehen.

Bauwollspinnerei Leipzig, 2012

Bauwollspinnerei Leipzig, 2012

AHC: Wie malt ein Dilletant?

Eckhard Besuden:
Wie muss ich malen? Wir malen nicht neu, wir malen nicht authentisch, wir malen nicht antidekorativ oder mit rein künstlerischer Vita. Wir malen ab, wir malen, was schon dagewesen ist, wir malen dekorativ, wir malen mit totaler Beliebigkeit der Sujets. Lediglich um das Merkmal „perfekte Technik“ kommt niemand herum, denn am Ende muss das Ergebnis Bestand haben gegenüber dem, was da ist. Das wirft uns kunstdogmatisch um ca. 300 Jahre zurück. Aber es befreit den Malakt von Wissen, von Vorurteilen im Kopf des Künstlers. Das Wichtige an der Arbeit ist das Bild. Der Satz von Goethe „man sieht nur, was man weiß“ muss umgedacht werden in „man weiß nur, was man sieht“. Wenn wir wissen, als Käufer, dass wir ca. 100 Jahre lang einer Marketing Strategie erlegen sind, dann freuen wir uns etwas zu kaufen, was trotz des berechtigten Vorwurfes des schon mal Dagewesenen, trotz des Vorwurfes der Beliebigkeit, trotz der schon bekannten Ausführung, jedenfalls etwas dogmatisch Neues ist.

AHC: Dann ist es also Ihr Ziel, die Marketing Mechanismen zu unterwandern?

Eckhard Besuden:
Das Bild unterstreicht unser „neues“ Wissen, dass wir uns von Marketing Mechanismen im 21. Jahrhundert nicht mehr im Kauf von Bildern leiten lassen wollen. Wir verlassen uns wieder auf unsere Intuition und nicht auf unsere Berater, die wir verdächtigen, marktstrategisch zu beraten. Wer keine Ahnung hat von Kunstdogmatik wird antideterministische Bilder nicht kaufen, sie kommen im Kunstbücherbestand seines Regales nicht vor. Sie sind beliebig, schon mal dagewesen, sie sind „alt“. Wer aber das Wissen hat, dem folgen die Worte von alleine (Seneca). Wenn ein Sammler versteht, dass wir nicht deterministisch malen, gerät das Sujet in den Hintergrund. Der Beweis für den Antideterminismus kann nur das Gesamtwerk des Künstlers erbringen. Es handelt sich also nicht um ein Bild. Der Maler hat insgesamt zu beweisen, dass er die Kraft für Malerei besitzt und sich nicht marktstrategisch geriert. Das nämlich sollte den Galeristen, Kuratoren und sonstigen Protagonisten des 1. Kunstmarktes vorbehalten bleiben. Als Maler braucht man da schon ein dickes Fell.

AHC: Sie leben in zwei Welten. Der Welt der Paragraphen (als Jurist in einer Kanzlei) und die der Malerei? Beflügelt die eine Welt die andere? Oder sind sie sich auch mal gegenseitig im Wege?

Eckhard Besuden:
Es gab ursprünglich viele Universen in meinem Leben, die Familie lassen wir heute mal außen vor. Physik, Schach, Kunst, Musik und später Jura. Für die Physik erwies ich mich als zu unbedarft, nicht einmal mit dem Nötigsten ausgestattet. Für Musik blieb keine Zeit mehr. Horowitz meinte einmal: Wenn ich 2 Tage nicht übe, höre ich es, übe ich 1 Woche nicht, hört es meine Frau, übe ich einen Monat, nicht so hört es die ganze Welt. Ein Instrument verzeiht nichts. Die Malerei, Schach oder Jura dagegen schon, ähnlich dem Fahrradfahren. Die verbliebenen Welten haben eines gemeinsam. Wenn du einen Zug tiefer denkst, als dein Gegner, wirst du am Ende besser sein, als er und jeder wird es sehen, denn Intuition kann man nicht belügen. Insofern ist das Argument der Beliebigkeit auch in der Kunst ein vordergründiges. Jeder Dummkopf sieht, wenn du es nicht kannst. Der Kaiser trägt einfach keine Kleider.

AHC: Wann war es für Sie klar, dass Sie Künstler werden wollen?

Eckhard Besuden:
Ich wollte Maler werden mit 6 Jahren, Schachspieler mit 12 Jahren, ich habe mich als Schulabgänger für Physik, Medizin, Kunst, Luft und Raumfahrttechnik, Theaterwissenschaften, Informatik und Industrial Design beworben. Meine Kunst-Bewerbung an der Hochschule der Künste Berlin mit Zeichnungen war leider ein Desaster. Ich wurde nicht einmal zu den Vorstellungsgeprächen eingeladen – es war eine glatte Sechs. Ich habe viele Jahre gebraucht, um das zu verdauen, studierte Informatik ohne Erfolg, bewarb mich nochmals in Luft- und Raumfahrttechnik, und kam dann zu Jura, wo ich das wiederentdeckte, was mir lag. Du musst nicht unbedingt superintelligent sein, Fleiß schlägt Genie. Um mir zusätzliches Geld zum Unterhalt meiner Eltern für das Jurastudium zu verdienen, habe ich in der Putzkolonne der Uni Konstanz angeheuert und viel Geld mit Putzen verdient. Meine erste Freundin in Konstanz lernte ich auf der Damentoilette kennen, sie erkannte mich als Erstsemester wieder und rief „ihhh was machst du denn hier“? Ich antwortete „ich arbeite“. Sie empfand das offenbar nicht als Ausschlussmerkmal.

AHC: Sie haben schwer gearbeitet, um sich im Studium etwas hinzuzuverdienen zu dem
Unterhalt Ihrer Eltern. Das war sicher nicht leicht. Mir kommt gerade Lüpertz in den Sinn, der als abends als Nachtwächter und tagsüber als Bauarbeiter gejobbt hat. War das die Schule für’s Leben? Haben Sie daraus etwas gelernt?

Eckhard Besuden:
In dieser Zeit habe ich viel gelernt, was mir mein häusliches Umfeld nicht beibringen konnte. 90% der Protagonisten sind unterbezahlt, einige werden dich betrügen, zur simplen Aufbesserung ihres Lebensstandards. Einige werden echte Freunde, auch wenn sie dich vorher möglicherweise betrogen haben.

AHC: Kunst, Jura, Jobben - ein ehrgeiziges Unterfangen. Offensichtlich sind Sie sehr motiviert?

Eckhard Besuden:
Ich wollte schon mit 6 Jahren Künstler werden, aber auch Radioastronom, Dampflokführer, Physiker, Ingenieur, Schauspieler und so fort. In meinem Studium habe ich Berge von Maltechnikbüchern verschlungen, meine Juranoten wurden derartig schlecht, dass ich den Spitznamen „Ecki Mahmoudi – nicht ohne mein Examen“ bekam. Aber ich habe rechtzeitig die Kurve gekriegt. Ich habe gelernt, mit überdurchschnittlichem Fleiß hast du die Möglichkeit, das zu werden, was dir mit durchschnittlichem Können übrig bleibt, vertiefe es weiter, das zufällige motivatorische Ergebnis macht dich vielleicht perfekter.

AHC: Gab es irgendwann einen Punkt, an dem Ihnen Zweifel gekommen sind. Das Genie ringt bekanntlich mit sich selbst.

Eckhard Besuden:
Da ich ja kein Genie bin, habe ich auch nie gerungen – schon gar nicht mit mir selbst. Klar gibt es Momente, wo ich den Satz von Bruno Ganz liebe: Ja muss ich denn alles selber denken? Mein Hauptproblem beim Antideterminismus ist der Vorwurf der Beliebigkeit. Ich entgehe ihm ja nur durch das Wissen des Betrachters. Der sollte aber was drauf haben. Er muss um die Umstände wissen, sonst ist er – bin ich – verloren.
Deshalb ist der 1. Kunstmarkt wohl für mich tabu. Dieser funktioniert nicht nach der skizzierten Herangehensweise. Das macht mich manchmal sehr traurig. Warum sollte ich nicht einfach mal „meinen authentischen Stil“ etwas „neues“ malen, meinen Job als Anwalt schmeißen und auch den sonstigen Merkmalen der Marketingstrategie frönen? Nein – keine Sorge – ich male weiter Quatsch, den der 1. Kunstmarkt bestenfalls über Kaufhausrolltreppen duldet.

AHC: Über Geschmack lässt sich streiten. Über Kunst bekanntlich auch. Können Sie beschreiben, was gute Kunst für Sie ist?

Eckhard Besuden:
Uh das ist schwer. Ich habe zunächst wie alle anderen auch pawlowsch reagiert. Die lineare Kunstdogmatik führte verkürzt gesagt vom Impressionismus über Jugendstil, Postimpressionismus, Beginn der Moderne, Fauvismus, Expressionismus, Dada, Bauhaus. Das ist alles Geschichte und lässt mich bildnerisch absolut kalt. Dann wird es selbst wenn man nur Deutschland betrachtet aber extrem unübersichtlich, nehmen wir die unglaublichen Fotografien von Richard Peter von der Semper Oper 1945 oder Peter Heldt. Ich liebe die Papierabstraktionen von Fritz Winter, die den Kubismus nachvollziehen, aber auch verdeutschen. Rupprecht Geiger malt schon 1948 wie ein späterer Gerhard Richter. Willi Baumeister ist nicht mein Ding – zu ergebnisorientierter, Determinismus. Dann gehen die documentas los.

AHC: Wie sehen Sie die Kunst nach 1945?

Eckhard Besuden:
In den 60ern malen alle irgendwie extrem abstrakt, was im höchsten Maße langweilig auf mich wirkt, wie jede Mode. Sachen von Georg Meistermann sind fast schon kopiert von Picasso kubistischer Phase, Sachen von Emil Schumacher sind die frühen Kompositionen von Nolde. In den 60ern haben, finde ich, Georg Meistermann und Rupprecht Geiger ihre Berechtigung. Faßbender dagegen finde ich zu Kirchner-mäßig und für Sonderberg und Götz gilt das gleiche. Von Bernard Schultze hat Jahrzehnte später offenbar Peter Kuckei seine Ideen – hoch interessant die beiden. Nay ist da m.E. schon völlig veraltet – wenn man denn deterministisch denken wollte – aber wunderschön.

AHC: Das Nachkriegsdeutschland war vom Wiederaufbau, Wohlstand, gleichsam auch von Protesten geprägt. Lebt der Skandal in der Kunst wieder auf? Welche Konzepte sprechen Sie an?

Eckhard Besuden:
Ende der 60er sprechen mich die Bilder von Günther Uecker und Heinz Mack an. Aber die Kraft der Malerei fehlte mir. Die Deutschen Idealisten wie Winfred Gaul, Kuno Gonschior etc. langweilen mich. Der Versuch die Fotografie in die Malerei einzubringen muss zwangsläufig fehlschlagen, was sie hätten wissen können. Ende der 60er entfernt sich mit Paik, Leve und Maciunas ohnehin alles von meinem Geschmack. Selbst ein begnadeter Techniker wie Gehard Richter malt hier sehr bescheiden. Es ist die Zeit von Beuys, der überflüssigerweise nochmals dem Skandal Leben einhaucht. Die finde ich malerisch vollkommen uninteressant, aber sehr zeitgenössisch.
Es ist wie Warhol. Seine Kunst ist grotesk simpel. Den Zeitgeist aber hat er voll getroffen minimaler Aufwand kombiniert mit dogmatisch deterministischen Getöse (ich male Massenkunst in der Factory, das ist echt neu) bringt ebenso prompt absolute Verkäuflichkeit. Wir sind sooo überrascht. Wolf Vostell malt Warhol nach und meint, er sei ausstellungswürdig. Sehen wir uns die „leisen“ wie Horst Antes an. Selbst seine Ähnlichkeit mit den kubistischen Picassos vermögen seiner Werthaltigkeit keinen Abbruch zu tun.
Konrad Klapheck ist zweifellos genial. Vergleichen wir ihn mit Immendorf, wird doch schon klar, wer die Nase vorne hat. Dann kommen wieder die Hotshots wie Baselitz, Schönebeck, Lüpertz und natürlich der frühe Richter. Ihr Verdienst ist es, die Kraft der Malerei im Post-Beuysschen Zeitalter reanimiert zu haben. Endlich ist der Skandal beerdigt. Sie waren der Defibrillator der Malerei keine Frage, denn ich stimme Beuys These „die Malerei ist tot“ bis dahin zu. Dennoch führen sie kunstdogmatisch zu einem Paradoxum.

AHC: Ist es überhaupt noch zeitgemäß, künstlerische Konzepte in Schubladen zu stecken?

Eckhard Besuden:
Ein Phänomen wie Richter ist im linearen Kunstverständnis, wo alles auf einander aufbaut, nicht zu erklären. Die Dogmatik hat aber in den 80ern einen Weg gefunden. Statt des linearen Kunstverständnisses gibt es nun das zyklische Kunstverständnis die „Neuen“ Wilden, Neo Rauch ist ein „Neo“-Surrealist, Romero Britto macht „Neo“-Popart und so fort. Die Welt der Kunstdogmatik war gerettet. Wir knallen überall ein „Neo“ davor, und fangen im linearen Zyklus von vorne an. Liebe Käufer kommt – kauft Neo-Impressionisten, der ist verdammt neu wisst ihr (lacht). Der Kunstgriff des zyklischen Kunstverständnisses ist natürlich dogmatisch inkorrekt. Der Antideterminismus ist dogmatisch überfällig.

AHC: Auch wenn vieles schon mal da gewesen ist, so hält die Kunst der 70er und 80er Jahre auch Überraschungen bereit, oder?

Eckhard Besuden:
In den 70ern gefällt mir Hartwig Ebersbach. Max Uhligs Elbetreibholz ist unglaublich schön. Bevor ich anfange Sie zu langweilen, finde ich Graubner einfach nur sensationell. Technisch sind seine Bilder deshalb so anspruchsvoll, weil sie die Rahmen-Kissen-Technik mit einer Mischung aus Öl und Acryl verbinden. Die Idee habe ich ehrlich von ihm abgekupfert – nicht das Kissen natürlich, das wäre zu simpel – aber die Mischung aus Acryl und Öl. Überhaupt wird es jetzt spannend für meine Arbeiten. Hier sind Dieter Krieg, Gerhard Richter, Palermo prägend. Man könnte meinen, Palermo hat doch nun gar nichts mit meinen Bildern zu tun. Aber schauen Sie sich die Prototypen an oder Coney Island. Nachdem Warhols „Six Selfportraits“ mir die Reduplikation, die Serie erlaubten, versuchte ich Palermos Reinheit der Farbe in Serien wie dem Seehas zu reflektieren.
Mit den 80ern von Baselitz bis Kiefer kann ich nichts anfangen. Das ist alles viel zu gewollt, es springt dich an und schreit „HALLO – ICH BIN KUNST – KAUF MICH DU BLÖDER REICHER IDIOT, KAUF MICH JETZT, GLAUB MIR, ICH WILL NUR DEIN BESTES – DEIN GELD“! Zu ostentativ für meinen Geschmack, auch wenn es kompliziert aussehen soll.

AHC: Der Hype im Kunstmarkt der 80er Jahre hat zu kommerziellen Verzerrungen geführt. Welche Potentiale stecken heute in der Kunst?

Eckhard Besuden:
Da liebe ich Volker Tannert und Peter Kuckei. Bescheiden, aber malerisch hoch wertvoll. Die Bescheidenen sind mir einfach lieber, wie Hubertus Giebe oder Walter Libuda auch wenn der eine heftige Anleihen bei James Ensor gemacht hat. Die Bescheidenheit ist die letzte Tugend, die wir in diesem Leben lernen – und manche lernen sie nie.

Die „neuen Wilden“ sind etwas für die Befriedigung des damals geldüberfluteten Amerikanischen Markts - simpel, super schnell zu malen, einfach angelehnt an die 20er des letzten Jahrhunderts, Fahnenträger des zyklischen Kunstverständnisses. Aber dann geht es doch noch voll in den 90ern los. Neo Rauch und die Leipziger Schule. Das ist m.E. nicht „Neo“ Surrealismus, sondern ein malerischer Geheimcode, der sich der Dogmatik entzieht. Sehr genial, wenn auch dazu verurteilt, als „Neosurrealismus“ zukünftig sein Dasein fristen zu müssen.
Von den aktuellen, sagen wir ab 2010 mag ich besonders Hagen Betzwieser, Anna Gierster, Karl Hans Janke, Per Olaf Schmidt, sie alle haben ihr Potential bei weitem noch nicht ausgeschöpft. Nein, bei genauer Betrachtung, ich liebe Sie alle.

AHC: Auf Vorlieben wollen Sie sich nicht festlegen?

Eckhard Besuden:
Hätte ich Vorlieben, wäre ich kein Künstler und schon gar kein Antideterminist. Man muss viel wissen, aber man darf nichts mögen, sich nicht verleiten lassen sich einer Richtung hingeben. Moden vernebeln den Hunger, sie machen es einfach, seine Begeisterung nur dem Neuen zu verdingen, die Sehnsucht wartet nur noch auf die nächste Saison. Das ist primitiv. Maler - und Juristen - sollten klar sein, emotionslos, objektiv und nur möglichst fleißig.

AHC: Ihr Konzept besteht darin, dass Sie in der Kunst größtmögliche Freiheit anstreben. Wie gelingt Ihnen das? Wie sprengen Sie die Fesseln, die der Kunstmarkt den Künstlern anlegt?

Eckhard Besuden:
Ein Galerist in Moskau hat mir einmal gesagt. „Eckhard, wenn du mir davon vierzig Bilder in dem gleichen Stil malst, dann mache ich uns reich“. Ich konnte der Versuchung nur knapp widerstehen und dachte – man muss höflich bleiben. Ja mag sein, aber meine Malerei ist dann arm. Solange ich meinen Kühlschrank füllen kann, brauche ich niemanden, schon gar nicht jemanden, der mir vorschreibt, was ich zu malen habe. Ich hasse Vorschriften, alte Juristenkrankheit. Aber ich liebe Hinweise. Da ich ein dummer nicht künstlerisch ausgebildeter Dilettant bin, brauche ich dringend Input von Experten, die es gelernt haben. Ich bitte daher alle Profis um mich rum geradezu händeringend nach Hinweisen. Manchmal sind die schon ziemlich genervt, aber dann lassen sie sich doch zu einer Kundgebung ihrer Erfahrung herab. Das staubsauge ich. Aber denken muss ich selbst.

AHC: Gibt es ein Kunstwerk in Ihrem Leben, das Sie besonders beeindruckt hat? Oder einen Maler/ eine Malerin, dessen/ deren Leben und Werk Ihnen ein Vorbild ist?

Eckhard Besuden:
Nein. Es sind zu viele, ich habe nur Ehrfurcht vor der Vielfalt. Im Universum des Schachs gibt es Lieblingseröffnungen, aber - ehrlich - nur deshalb, weil man als Sterblicher keine Zeit hat, auch die anderen zu beherrschen.
Und doch, wir würden doch niemals anfangen Schach zu spielen, wenn wir nicht die Erwartungshaltung hätten, es handele sich um ein echtes Universum, vor dem wir wissensmäßig niemals Bestand haben werden. Es wäre also stupide eine Form des Spieles z.B. Nimzo-Indisch seinen Favoriten zu nennen.

AHC: Wie entstehen Ihre Bilder? Planen Sie Ihre Kompositionen genau? Machen Sie Skizzen/ Vorentwürfe oder entsteht das Bild intuitiv und spontan auf der Leinwand?

Eckhard Besuden:
Es gibt zwei Möglichkeiten. Zunächst die konkreten Bilder: Als erstes mache ich Skizzen. Wenn meine Kinder und meine Frau die verwerfen, sind sie hinfällig – meistens. Sind sie ausbauwürdig, suche ich Fotovorlagen mit meiner Kamera und erarbeite „das Bild“ in Adobe Photoshop, was manchmal mehr Zeit erfordert, als das eigentliche Gemälde. Seit der Lehrer und Meister von Monet und Renoir, Herr Eugene Delacroix den beiden 1863 beibrachte, dass es standesgemäß ist, vom Foto zu malen, ist Malen nach Zahlen ja okay. Ich habe das erst mit meinem 11. Lebensjahr gelesen, bis dahin dachte ich die Moderne malt freihändig. Im Photoshop sehe ich bereits, ob es malenswürdig ist oder im Nirvana meiner Festplatte verschwinden wird. Wenn es alle Prüfungen besteht, geht es los. Man sollte meinen, nur wäre es „Malen nach Zahlen“. Die Realität zeigt. Die Vorlage ist in quasi 100% der Fälle nicht mehr wieder zu erkennen. Der Malvorgang ist letztlich etwas, was dich überholt. Eben wie eine Schachpartie, die in der Eröffnung zwar minutiös angelegt wird, dann aber ab dem Mittelspiel in totalen Kampf entgleitet. Die zweite Möglichkeit sind die Abstrakten. Die male ich einfach.

AHC: Wie können wir uns Ihren künstlerischen Arbeitsalltag vorstellen?

Eckhard Besuden:
Ich male berufsbedingt in der Regel nachts zwischen 20 Uhr – 5 Uhr morgens. Das stört die Familie am Wenigsten. Ich habe das Glück wenig Schlaf zu brauchen – meistens.

AHC: Welche Zwänge, Trends und Klischees fallen Ihnen spontan ein, die die momentane Kunstwelt beherrschen?

Eckhard Besuden:
Gibt es dazu kein trefflicheres Buch als Stefan Heidenreich „Was verspricht die Kunst“ von 1998. Stefanie Lucci wirft ihre empirische Doktorarbeit „Um die Ecke denken“ im Jahre 2007 in den Ring, in der sie die Qualitätsmerkmale moderner Kunst analysiert. Sie reflektiert den Determinismus, möglicherweise ohne zu wissen, was sie da dogmatisch gefunden hat – andererseits sucht diese herausragende Arbeit auch nicht nach Gründen für Dogmatik. In 2009 zelebriert Dirk Boll mit „Kunst ist käuflich“ den Determinismus. Die Kunstdogmatik ist noch nicht so weit – wie soll es dann die Malerei sein? Das ist sehr entmutigend.

AHC: Ihre Vorlieben für Sprachspiele sind bekannt. Aber wie sind Sie eigentlich auf den Seehasen (Sea Rabbit), auf der Leinwand dargestellt als Hase mit Taucherbrille, gekommen?

Barbaras Seehas klein magenta, (2014) oil on canvas, 27.6 x 31.5 inch, 70 x 80 cm

Barbaras Seehas klein magenta, (2014)
oil on canvas, 27.6 x 31.5 inch, 70 x 80 cm

Eckhard Besuden:
Die Entdeckung von Adobe Photoshop habe ich Hannes Krutzler zu verdanken. Er kam auf die Idee mit dem Hasen, dem man eine Taucherbrille aufsetzt. Als ich nach Konstanz kam, erfuhr ich von der mystischen Figur des Seehas, der im Bodensee sein Unwesen treibt. Nach ihm ist wiederum die Zugverbindung benannt, mit der ich morgens zur Arbeit fahre, eben der „Seehas“. Eines morgens erinnerte ich mich an Hannes Sujet. Mit meinem Konstanzer Lokalwissen bereichert, musste es gemalt werden. Zunächst war es ein einfaches Bild, ein simpler Gedanke, die Farbigkeit aus Warhols „Selfportraits“, aber mit jedem gemalten Seehas wurde er besser, entfernte sich von Hannes Vorlage. Manchmal sind es die einfachen Dinge, die süchtig machen.

AHC: Gibt es weitere Bilder in Ihrem Werk, die Sie, wie Neo Rauch es ausdrückt, für Schlüsselbilder halten?

Eckhard Besuden:
Schwer zu sagen. Ich bin nur die Ursache. Ich kenne die Wirkung nicht. Die Symbolistischen vielleicht.
Das „Strandrätsel“? Ein italienischer Galerist, provozierte mich. „Seestücke, das ist doch nach Gerhard Richter keine Kunst mehr“. Ich habe also sofort eine Strandlandschaft gemalt, auf der drei Flaggen zu sehen sind. Im Sand vor den Flaggen steht „NO“, die Flaggen bedeuten nach dem Flaggenalphabet „A“ und „R“ und „T“ und hinter den drei Flaggen sieht man im Sand ein „!“. „Keine Kunst!“ eben – aber nur für die, die das Flaggenalphabet beherrschen - und der Galerist konnte es nicht (grinst).

Strandrätsel, (2013) oil on canvas, 78.7 x 55.1 inch, 200 x 140 cm

Strandrätsel, (2013) oil on canvas,
78.7 x 55.1 inch, 200 x 140 cm

„Tate Modern“? In den Kathedrale der deterministischen Kunst, der „Tate Modern“ liegt die Kunst als goldenes, also wertvolles, begehrenswertes Model, leider tot, auf Ai Weiweis Sonnenblumenkernen. Im Hintergrund explodiert der Antideterminismus, dem sich der wissende Besucher aber bereits zuwendet, Gefahr laufend, sein ganzes bisheriges künstlerisches Weltbild zu verlieren. Er unterschätzt erkennbar diese Gefahr, die zu kunstdogmatischer Leere und Einsamkeit führen kann.

Tate Modern, (2012) oil on canvas, 39.4 x 39.4 inch, 100 x 100 cm

Tate Modern, (2012) oil on canvas,
39.4 x 39.4 inch, 100 x 100 cm

AHC: Als Schlüsselbild bezeichnete Neo Rauch seinen „Sucher“. Ist das Ihr Thema?

Eckhard Besuden:
Ich habe mich des Themas gerne angenommen. Mein „Sucher“ ist als Fuchs bekanntlich sehr schlau, aber trotz seines ihm zuerkannten Wissens, sucht er offensichtlich an der falschen Stelle.

Der Sucher, (2011) oil on canvas, 78.7 x 55.1 inch, 200 x 140 cm

Der Sucher, (2011) oil on canvas,
78.7 x 55.1 inch, 200 x 140 cm

Oder die Experimente z.B. etwas rein Käuferbezogenes: In der Zeitung der Serie „Fische“

Fische von Julia und Bernd, (2013) Acryl on canvas, 78.7 x 39.4 inch, 200 x 100 cm

Fische von Julia und Bernd, (2013) Acryl on canvas, 78.7 x 39.4 inch, 200 x 100 cm

verstecke ich Botschaften, die nur der Käufer des Bildes entschlüsseln kann. Bevor das Bild überhaupt gemalt wird, muss mir der Käufer sagen, was in der Zeitung steht. Oft verstehe ich es selbst nicht. Das eigentliche Sujet Fische ist immer gleichförmig aber völlig uninteressant. Wir müssen Zeitung lesen, wenn wir verstehen wollen.
Die meisten Bilder aber werden sich wohl dem Erklärlichen einfach entziehen. Sprache hat gegenüber Ausdrucksvielfalt der Malerei einfach ihre natürlichen Grenzen. Kunst erklären, das muss scheitern.

AHC: Welche Bedeutung hat, abgesehen von der Bildenden Kunst, Kultur für Sie? Literatur, Philosophie, Musik, Theater? Finden Sie darin Inspirationen? Oder kommen Ihnen die Ideen eher, wenn Sie (wie ein Mönch) in Klausur gehen?

Eckhard Besuden:
Ich lese in letzter Zeit wieder mehr Quantenphysik, den unübersehbaren Stefen Hawking, aber auch Brian Greens „Das elegante Universum“ oder Feynmans „The Charakter of Physical Law“ - außerhalb meines Pflichtprogrammes Jura. Ich versuche literarisch auf dem Laufenden zu bleiben, hinke aber meinen Ansprüchen hinterher. Musik hasse ich, seit ich weiß, dass ein Instrument für eine gute Darbietung, die gesamte Zeit eines Menschen einfach aufstaubsaugt. Nie wieder werde ich Gitarre spielen, denn zu jedem beliebigen anderen Zeitpunkt meines Lebens, war ich darin besser als heute.
Theater? Wie schreibt man das? Ich bin monobegabt und monogebildet, das ist die harte Wahrheit.

AHC: Sie leben in der Nähe von Konstanz am Bodensee. Können Sie etwas zur regionalen Kunstszene sagen.

Eckhard Besuden:
Nein nicht wirklich, die hiesige Szene kennt mich nicht. Weder die Stadt Konstanz, noch das Kulturamt Allensbach, noch gar die wichtigen Galeristen oder sonstige regionale Kulturprotagonisten haben mich wahrgenommen oder auf meine anfänglichen Anbiederungsschreiben mit Bitte um eine Ausstellungsmöglichkeit reagiert, als ich mal genug Bilder zusammenhatte. Da freue ich mich sehr über außerkünstlerische Protagonisten wie das Konstanzer Notariat, welches mir in der Rheingasse 20 in Konstanz auf drei Stockwerken eine ständige Ausstellung ermöglicht. Die „Location“ ist aus Sicht des 1. Kunstmarktes auch noch sehr antideterministisch (grinst). Bevor die Bilder in die Welt gehen, hängen sie alle hier.

AHC: Wie sehen Ihre künstlerischen Pläne aus? Wohin geht die Reise?

Eckhard Besuden:
Ja muss ich denn alles selber denken?

AHC: Vielen Dank, Herr Besuden, für die Einladung zum Gespräch und alles Gute für Ihre zukünftigen Projekte und Ausstellungen.


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